Der Schlüssel zur Sengenden Schlucht
Margols Horn
Rauch stieg aus dem Kessel auf, als hätte er schwer zu atmen und müsste sich von meinem kleinen Streifzug durch das unterirdische Bergwerk der Dunkeleisen-Zwerge erholen. Seit Tagen mischte ich die Bande auf und schnappte ihnen ihre Erzadern vor ihren schwarzen, triefenden Nasen weg. Und doch stieg jedes Mal, wenn ich die Sengende Schlucht verließ, ein Gefühl der Erleichterung und Ruhe in mir auf. Das gleiche spürte ich an Mad, dem die staubige Gegend und die dreckigen Äxte der Minenarbeiter noch weniger gefiel. Sein Fell war deutlich ergraut und übersäht mit getrockneten Blutspritzern.
Eines Abends entdeckte ich in der Nähe einer Dunkeleisen-Ausgrabungsstätte im Südosten, die ich bereits einige Male aufgeräumt hatte, einen Pfad, der in die Berge führte. Obwohl ich müde und erschöpft und der Bär hungrig war, folgte ich dem Weg. Er führte mich zunächst weiter nach Südosten und stieg schon sehr bald steil an. Es dauerte nicht lange, da wurde aus dem schmalen Pfad eine breite Straße, ausgetreten und mit Staub und Asche überzogen. Die Luft flimmerte von der Hitze, die vom Kessel herüberwehte. Zerbrochene Steine lagen mitten auf dem breiten Weg, der nun weiter Richtung Osten in die Berge hinein anstieg.
Ich konnte fast die rötlich schimmernden Gipfel des Ödlands über mir erkennen, als der Weg eine enge Rechtskurve machte und dahinter leicht abfiel. Ich tastete mich weiter voran und musste bald feststellen, dass ich in eine Sackgasse geraten war. Vor mir klaffte der Eingang einer Höhle in den Felsen auf. Mad wurde unruhig. Ich zog mein Gewehr, als ich ein Schnauben aus dem Inneren des Berges vernahm. Es war nicht zu erkennen, was da in der Dunkelheit der Höhle lauerte, bis es urplötzlich herausgeschossen kam und mich einige Meter zurückstieß. Mein Begleiter stürzte sich sofort auf den Angreifer, knurrte ihn bedrohlich an und lenkte so die Aufmerksamkeit auf sich. Ungeachtet der Tatsache, dass ich gerade sehr unsanft im Dreck gelandet war, stand ich auf und wischte mir den Staub aus dem Gesicht. Ich sah Mad, wie er mit einer Bestie gewaltigen Ausmaßes kämpfte. Sie erinnerte mich an eines dieser Kodos, die ich im Brachland gesehen hatte, doch war allein ihr Kopf zweimal so hoch wie ich selbst. Nachdem ich mich ausgiebig an der zweifelhaften Schönheit der Kreatur erfreut hatte, durchlöcherte ich das Untier mit den guten Gyro-Mithrilgeschossen.
Die Kreatur ging schnaubend zu Boden, rollte sich in ihrem Todeskampf qualvoll auf die Seite und verdrehte den Kopf. Dabei splitterten Teile ihres Horns ab, ein breiter Riss zog sich entlang seiner Wurzel. Ich beschloss, mir eine Trophäe zu genehmigen und das Horn mit meiner Waffe endgültig abzuhacken. Erst jetzt bemerkte ich den verrosteten Kopf einer alten Axt, die fest in diesem Horn steckte. Wie es schien, war ich nicht die erste, die versucht hatte, diese Bestie zu bezwingen. Ich wischte vorsichtig Staub und Blut von der Axt und fand darunter einen Schriftzug, der in das rostige Metall graviert war.
Eigentum von Gebirgsjäger Feinkiesel
Wem auch immer diese Axt einmal gehörte, er sollte sie zurück bekommen. So versuchte ich, das gute Stück von meiner Trophäe zu trennen, als es begleitet von einem hässlichen Geräusch in unzählige kleine Splitter zerfiel. Ups.
Gebirgsjäger Feinkiesel
Die tief stehende Sonne über Loch Modan wärmte mir mein vom Greifenflug etwas unterkühltes Gesicht, als ich am folgenden Abend Thelsamar erreichte. Das Horn der Bestie unter den Arm geklemmt begab ich mich ohne längeren Aufenthalt zum südlichen Wachturm, wo ich mir Informationen über Gebirgsjäger Feinkiesel einholte.
Gebirgsjäger Feinkiesel, besser zu betiteln als Gebirgsjägerin, bewachte den Durchgang vom Tal der Könige zur Sengenden Schlucht. Ich hatte bereits vor Monaten ihre Bekanntschaft gemacht und musste feststellen, dass sich an ihrer seltsamen, voreingenommenen Art nichts geändert hatte. Es lastete offenbar ein Fluch auf ihr, der sie dazu brachte, mir, noch bevor sie mich grüßte, mitzuteilen, dass ich den Eingang zur Sengenden Schlucht nicht passieren dürfe und sie den Schlüssel nie und nimmer rausrücken würde. Mich ließ diese Abwehr kalt, kannte ich doch den Weg über die Berge, der mich noch dazu direkt ins Ödland führen könnte.
Mit misstrauischen Blicken betrachtete Feinkiesel das Horn der Bestie, als ich es ihr auf ihren Widder hinauf gereicht hatte. Ich hatte beschlossen, ihr nichts von der Axt zu erzählen, damit sie nicht völlig ausrastete. Sie rümpfte die Nase und betrachtete das Horn von allen Seiten. Zwischendurch musterte sie mich immer wieder von oben herab, als würde sie mich gleich fressen wollen. In Erwartung ihrer Reaktion trat ich ungeduldig von einem Bein aufs andere.
Völlig unerwartet warf sie mir das Horn achtlos herunter, so dass ich es gerade noch fangen konnte.
“Nun, eurer Beschreibung nach, Jorna Lightforge, habt ihr mir tatsächlich das Horn von Margol gebracht.”
Sie kannte die Bestie. Ich wusste es. Es war ihre Axt, die in dem Horn steckte, und sie hatte es nicht geschafft, das Ungetüm zu erlegen.
“Aber ich glaube euch nicht. Ihr habt es bestimmt nur einer Sturmschnauze im Brachland abgenommen. Das sind keine Gegner. Margols Horn ist achtmal so groß wie dieses hier. Eine schmächtige Gestalt wie ihr könnte Margol niemals besiegen.”
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Sie stellte meine Fertigkeiten in Frage. Warum war ich überhaupt hierher gekommen?
“Aber ich will nicht nur an euch zweifeln, denn beweisen kann ich nichts. Sprecht mit Kurator Thorius in Eisenschmiede. Er möge über seine Echtheit entscheiden. Bringt mir die Echtheitsurkunde, die er euch ausstellen wird, sollte er eure Geschichte glauben. Vielleicht erachte ich euch dann als würdig, die Sengende Schlucht durch dieses Tor zu betreten.”
Mit einem kurzen Nicken verabschiedete ich mich und machte mich sichtlich genervt auf den Weg zurück nach Eisenschmiede.
Kurator Thorius
Der heiße Dampf der Großen Schmiede brannte im Gesicht, als ich auf dem Rücken des Greifen nach Eisenschmiede hinein flog. Es war wirklich an der Zeit, dass die Gnome ein dynamisches Klimatisierungsgerät erfinden, um diese Temperaturunterschiede auszugleichen. Oder vielleicht sollte ich das selbst in die Hand nehmen. Die Temperatur ließ merklich nach, als ich mich in die Halle der Forscherliga begab.
Kurator Thorius stand vor einem Exponat im Ausstellungsraum über ein paar Knochen gebeugt und betrachtete angestrengt ihre Struktur mit einer gnomischen Vergrößerungslinse. Diese Knochen mussten eine unglaubliche Anziehungskraft ausüben. Ich musste ihn mehrmals laut grüßen, bevor er meine Anwesenheit bemerkte.
Hastig hielt ich ihm das Horn der Bestie entgegen mit der Bitte, es sich genauer anzusehen. Seine Augen strahlten sofort hell auf, als er meine Trophäe in Empfang nahm. Er ließ seine Knochen links liegen und machte sich sofort daran, das Horn angestrengt zu betrachten und seine Oberfläche zu befühlen. Mit der wahnsinnigen Ausstrahlung eines Wissenschaftlers tastete er alle Unebenheiten und Risse des Horns genauestens ab, ehe er schließlich in lautes Jubeln ausbrach.
“Wahrlich, das ist es! Feinkiesel hat keine Ahnung! Sie ist sicher nur neidisch, weil sie es damals nicht geschafft hat, Margol zu besiegen. Stattdessen hat sie sogar ihre geliebte Axt verloren. Ihr seid eine wahrhaft große Jägerin, Jorna!”
Meine Laune besserte sich. Kurator Thorius trug hastig ein paar Gegenstände zusammen und baute daraus einen provisorischen Sockel, den er in eine freie Ecke im Ausstellungsraum schob. Darauf platzierte er liebevoll Margols Horn. Es war mir mittlerweile egal, was mit dem Horn geschah, und es war sicher nicht die schlechteste Lösung, es der Forschung zur Verfügung zu stellen.
“Ach ja, ihr wolltet noch ein Echtheitszertifikat, richtig?”
Thorius holte Pergament und Feder herbei und kritzelte einige bestätigende Sätze. Zusammen mit seiner Unterschrift und dem Siegel der Forscherliga überreichte er mir, wonach ich gesucht hatte. Dann wendete er sich wieder dem Horn zu und begann, es leidenschaftlich zu bewundern.
Ich bahnte mir meinen Weg durch die drückende Hitze der Schmiede und wies den Greifenmeister an, mir erneut einen Flug nach Thelsamar zu verschaffen.
Der Steinwerkpass
Ich konnte Gebirgsjägerin Feinkiesels schlecht gelaunte Miene schon aus der Ferne erkennen. Sie war offenbar überrascht, aber dennoch misstrauisch, dass ich statt dem Horn der Bestie nun ein zusammengerolltes Pergament bei mir führte. Ich grüße mit einem kurzen “Hallo!” und rollte das Pergament gekonnt durch bloßes Lockern meiner Umklammerung mit einer Hand aus. Feinkiesel warf ungläubige Blicke auf die Echtheitsurkunde.
“Nun gut. Der Meinung des Kurators will ich nicht im Weg stehen. Ich habe mich in euch getäuscht, Jägerin. Euch soll der direkte Zugang zur Sengenden Schlucht gewährt sein. Was euch dort drinnen widerfährt, ist ganz allein eure Sache.”
Mit diesen Worten zog Gebirgsjägerin Feinkiesel ein sorgsam zusammengelegtes Stück Stoff aus ihrer Westentasche und wickelte es langsam auseinander, wobei sie mich prüfend im Auge behielt. Ich grinste, als hätte ich etwas zu verbergen, bedankte mich dann aber anständig. Sie nahm einen großen, silbernen Schlüssel aus dem Stofffetzen heraus und überreichte ihn mir zögernd, bevor sie das Päckchen wieder zusammenrollte und einsteckte. Ich verbeugte mich, wie es sich von Jäger zu Jäger gehört; sie nickte mir kurz aber bestimmt zu.
Langsam schritt ich auf das Tor zu. Ich steckte den Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung und drehte ihn vorsichtig. Mit lautem Quietschen und Knacken gab das Schloss nach und teilte mir schließlich mit einem lauten Klacken mit, dass es geöffnet war. Das Tor hob sich rasch an und ließ mich eintreten. Ich zögerte kurz und trat dann in den Tunnel, bevor sich das Tor hinter mir ebenso schnell schloss, wie es sich geöffnet hatte.
Ich sah durch das Gatter hindurch zu Feinkiesel auf ihrem Widder, die mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte. Dann fasste ich mich und schritt rasch tiefer in den windigen Gang des Steinwerkpasses hinein. Staubiger Luft wehte mir entgegen und ließ mich die Augen zusammenkneifen. Das Ende das Tunnels war nicht erkennbar. Schnurgerade führte er immer tiefer in den Berg hinein, länger als jeder andere Tunnel, den ich je betreten hatte. Ich fragte mich, wer das Feuer am Leben hielt. Ich drehte mich immer wieder um, wohl wissend, dass mir eigentlich niemand folgen konnte.
Dann sah ich Licht, schwach und trüb, kaum heller als die Fackeln im Tunnel. Ich hatte die Sengende Schlucht erreicht, der Ort, an dem meine Reise am Tag zuvor begann. Der Ausgang aus dem Pass ließ sich auf die selbe Weise öffnen. Ich ging hastig hinaus, als wäre ich auf der Flucht, und sah mich um, ob sich das Tor hinter mir wirklich schließen würde. Ein Gefühl von Erleichterung machte sich breit.
Ich betrachtete den Schlüssel zur Sengenden Schlucht nachdenklich. Dann steckte ich ihn zu den anderen Schlüsseln in die Tasche, schon mit der Idee im Hinterkopf, einen Schlüsselbund zu konstruieren. Ich atmete kurz auf, sah mich einmal prüfend um und setzte meinen Weg in Richtung Thoriumspitze fort.
Jorna
19. Juni 2008 · 19:10
Diese kleine Gute-Nacht-Geschichte entstand im Oktober 2005, nachdem ich am Abend zuvor endlich das Geheimnis des Durchgangs zur Sengenden Schlucht gelüftet hatte. Auch wenn es nur die Nacherzählung einer Questreihe ist, gefällt sie mir ausgesprochen gut, was ich von den wenigsten meiner Texte behaupten kann. Diverse Namen wurden nachträglich geändert, um der später erfolgten Lokalisierung zu entsprechen. Obwohl mir Pebblebitty als Name der Gebirgsjägerin mehr zusagte.
Slayn
9. Dezember 2008 · 07:36
Hammer… die Quest hab ich mit Lvl 76 gemacht (mehr aus Langeweile heraus ^^) und hab die in 5 Minuten abgeschlossen.
Aber die Art und Weise wie du es beschreibst gefällt mir wahnsinnig gut, ärgere mich total das ich mir die Quests nie durchgelesen hab.. und wirklich kaum was von der Story verstehe.
Ist wie ausm Buch, einfach nur perfekt!!
WoW ist halt doch auch fast wie mit einem Buch zu vergleichen.. nur ohne einem Ende
Riesigen Respekt von mir für diese Geschichte!! Hättest du ein Buch geschrieben, ich hätts gekauft =)
LG Slayn
Jorna
9. Dezember 2008 · 22:21
Danke für die Blumen.
Hat damals auch echt viel Spaß gemacht, diese alberne Questreihe in eine Geschichte zu verpacken. Wenn dir die Art der Geschichte gefällt, solltest du dir vielleicht mal Die große Erzferkelprophezeiung antun. Das liest sich noch dreimal spaßiger.